
Neue Wege auf alten Pfaden: Warum wir auf Dammkultur umgestiegen sind
20. November 2025Wir müssen die Preise für unser Rindfleisch erhöhen. Der Grund ist nicht, dass der Bauer ein neues Luxus-Auto braucht. Unsere Fleischerei hat die Schlachtkosten zum Jahreswechsel um 25% angehoben. Aber das war nur der letzte Anstoß.
Ich möchte, ohne auf die Tränendrüse zu drücken, mit diesem Beitrag die Hintergründe beleuchten und die Strukturen beschreiben, die dazu führen.
Die Preisrealität
Lassen Sie mich offen sein: Unser Bioland-Rindfleisch ist deutlich teurer als konventionelles Fleisch im Supermarkt. Unser Hackfleisch kostet pro Kilo künftig 24,90 € statt bisher 19,90 €, während REWE konventionelles Rinderhack für 16,90 € verkauft – im Angebot aktuell sogar für 14,90€. Diese Differenz hat Gründe, über die ich sprechen möchte.
Zwei völlig verschiedene Welten
Was nach außen gleich aussieht – Rindfleisch ist Rindfleisch – sind in Wirklichkeit grundverschiedene Produktionsweisen. Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, wie es so schön heißt.
Bei uns:
- Jedes Tier wird auf unserem Hof geboren und wächst hier auf
- Die Tiere werden deutlich über zwei Jahre alt – deutlich länger als in der Intensivmast
- Die Herde grast vom Frühjahr bis Herbst ganztägig auf der Weide
- Kälber bleiben 6-9 Monate bei ihren Müttern
- Fütterung ausschließlich mit hofeigenem Gras und Klee
- Mobile Schlachtung direkt auf dem Hof – ohne Transportstress
- Verarbeitung bei der Fleischerei Bonkhoff, einem handwerklichen Familienbetrieb
In der industriellen Produktion:
- Tiere aus verschiedenen Betrieben zusammengekauft, teils sehr weit transportiert
- Kürzere Mastdauer, Optimierung auf schnellen Zuwachs
- Überwiegend Stallhaltung mit Kraftfuttereinsatz
- Frühe Trennung von Mutter und Kalb
- Transport zum Großschlachthof mit Fließband-Zerlegung
- Der Handel diktiert die Preise
Das System der Marktmacht
Die Monopolkommission hat in ihrem aktuellen Gutachten bestätigt, was viele in der Landwirtschaft längst wissen: 85 Prozent des gesamten Lebensmitteleinzelhandels werden von nur vier Konzernen kontrolliert – Edeka, Rewe, Schwarz (Lidl) und Aldi. Die Zahlen sind alarmierend:
- Die Gewinnmargen von Einzelhändlern und Herstellern steigen seit über zehn Jahren
- Es werden Eigenkapitalrenditen von ca. 20% erwirtschaftet, von denen ein Bauer nur träumen kann
- Die Schere zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen geht immer weiter auseinander
- Landwirtinnen und Landwirte haben langfristig kaum profitiert, obwohl die Verbraucherpreise massiv gestiegen sind
- Die Händler dehnen ihre Aktivitäten zunehmend auf die Herstellerebene aus und verstärken so ihre Verhandlungsmacht noch weiter
Das Perfide: Solange nicht systematisch unter dem Einkaufspreis verkauft wird, greift das Kartellamt nicht ein. Dass dabei die Produktionskosten der Landwirte nicht mehr gedeckt sind, interessiert rechtlich niemanden.
Kartellrechtsexperten sagen es deutlich: Diese Preiskämpfe im Supermarkt – Butter für 99 Cent, Hackfleisch im Dauerangebot – gehen direkt zu Lasten der Bauern. Die einzige Chance für Landwirte im aktuellen System: Entweder zu Agrarkonzernen werden – oder Direktvermarktung.
Die realen Kosten kleiner Strukturen
Die Landwirtschaftskammer NRW hat kürzlich Betriebszweigauswertungen für Mutterkuhhalter durchgeführt. Die Zahlen sind ernüchternd und erklären, warum die Preise steigen müssen:
Allein die Weidebereitstellung kostet durchschnittlich 925 € pro Hektar und Jahr. Das umfasst z.B. Zaunbau und -pflege, tägliche Tierkontrolle auf oft verstreuten Flächen, Wasserversorgung mit mobilen Systemen und Weidepflege an Hängen und Waldrändern.
Die Futterproduktion (Heu und Silage für den Winter) schlägt mit 1.595 € pro Hektar zu Buche. Bei uns sind die Kosten sogar noch höher. Auch diese Preise der Lohnunternehmer fürs Pressen und Wickeln sind gestiegen.
Pro Mutterkuh entstehen so Grobfutterkosten von etwa 1.700 €. Das ist, bevor das Tier überhaupt geschlachtet wird.
Das Ergebnis: Im Durchschnitt der ausgewerteten Betriebe erreichen Mutterkuhhalter eine negative direktkostenfreie Leistung von -639 € pro Mutterkuh. Nur das obere Viertel der Betriebe schafft es überhaupt, kostendeckend zu arbeiten.
Warum ist es so teuer?
Die Mutterkuhhaltung ist geprägt von kleinen Strukturen: Der Durchschnittsbetrieb in NRW hat 9,2 Mutterkühe. Wir liegen mit unserer Herdengröße etwa in diesem Bereich. Diese Strukturen sind oft seit Jahren konstant, weil:
- Die verfügbaren Flächen begrenzt sind (oft Hanglagen, Waldränder, kleine Parzellen)
- Stallkapazitäten festgelegt sind
- Die Arbeit im Nebenerwerb nicht beliebig erweiterbar ist
- Kapital für Investitionen in Maschinen fehlt
Über 60% des Dauergrünlands in NRW grenzt an Wald oder Gehölze. Das ist schön anzusehen und gut für die Biodiversität, bedeutet aber:
- Höherer Aufwand beim Zaunbau und bei der Zaunpflege
- Längere Anfahrtswege zwischen den Flächen
- Mehr Rüst- und Wendezeiten bei der Mahd
- Handarbeit beim Heckenschnitt und Freimähen
Der Aufwand hinter jedem Kilo Fleisch
Was viele nicht wissen: Pro Mutterkuh und Nachzucht müssen wir etwa 40 Arbeitsstunden pro Jahr einsetzen. Das ist bei der 25%igen Erhöhung der Schlachtkosten nicht eingerechnet – das kommt noch oben drauf.
Wenn ich meinen Metzger bezahle, dann bezahle ich nicht nur für die Schlachtung. Ich bezahle für:
- Gestiegene Energiekosten für Kühlung und Verarbeitung
- Höhere Personalkosten – qualifizierte Metzger sind rar und teuer geworden
- Teurere Verpackungsmaterialien
- Verschärfte behördliche Auflagen mit mehr Dokumentation
Als kleiner Abnehmer kann ich keine Mengenrabatte aushandeln. Bei einem Tier, das über 300 kg Schlachtkörpergewicht hat, bedeuten 25% mehr Verarbeitungskosten mehrere hundert Euro zusätzlich.
Die unbequeme Wahrheit
Gutes Fleisch kann nicht billig sein. Nicht, wenn Tiere über zwei Jahre artgerecht aufwachsen sollen. Nicht, wenn Metzger von ihrer Arbeit leben können. Nicht, wenn kleine, familiäre Strukturen erhalten bleiben sollen.
Die niedrigen Supermarktpreise entstehen durch maximalen Durchsatz, minimale Arbeitskosten und Größenvorteile durch Masse. Das ist ein anderes System – aber nicht das System, das ich unterstützen möchte.
Ein realistischer Blick
Ich weiß, dass die Preiserhöhung für manche von Ihnen eine Belastung ist. Das verstehe ich. Die Betriebszweigauswertung zeigt: Die meisten Mutterkuhhalter in NRW arbeiten defizitär. Die Monopolkommission bestätigt: „Landwirtinnen und Landwirte haben langfristig kaum profitiert“, während die Gewinnmargen der Händler und Hersteller seit über zehn Jahren steigen.
Wir tun diese Arbeit, weil uns die Tiere, das Land und diese Form der Landwirtschaft am Herzen liegen. Aber auf Dauer kann auch das nicht funktionieren, wenn wir unsere Kosten nicht decken können.
Jedes Mal, wenn Sie bei uns einkaufen, tun Sie etwas Wichtiges:
- Sie erhalten eine Form der Landwirtschaft, in der Tiere noch Tiere sein dürfen
- Sie unterstützen handwerkliche Verarbeitung statt Fließband
- Sie stimmen gegen die Konzernmacht, die die Monopolkommission kritisiert
- Sie sorgen dafür, dass Ihr Geld bei denen ankommt, die die Arbeit machen
- Sie bewahren Dauergrünland, Weidehaltung und Artenvielfalt
Unser Fleisch muss (und soll) nicht jeden Tag auf dem Tisch stehen. Aber wenn, dann mit gutem Gewissen – und mit dem Wissen, dass Sie eine Alternative zum System unterstützen. Dafür vielen Dank!
Links
Zum Nachlesen hier die Quellenangaben der Studien:




