
Warum unser Fleisch teurer wird – Zahlen, Fakten und die Zukunft kleiner Höfe
16. Januar 2026Das tägliche Brot konnte früher tödlich sein. Der Schuldige war ein parasitischer Pilz, der alle Süßgräser befallen kann — also auch alle Getreidesorten, vor allem den Roggen. In der Ähre wächst an der befallenen Stelle statt eines Getreidekorns ein länglicher, violett-schwarzer Schlauchpilz: das Mutterkorn.
Dieses Mutterkorn enthält eine ganze Reihe von natürlichen Alkaloiden, die auf den menschlichen Körper wirken, die Blutgefäße verengen und Nerven beeinflussen. Aber die Dosis macht das Gift. Mutterkornalkaloide wie Ergotamin kamen zum Beispiel in der vormodernen Medizin, behutsam angewendet, als Wehenmittel (daher der Name) oder zur Blutungsstillung zum Einsatz.
Die Krankheit: Antoniusfeuer
Wer aber Brot aus sehr stark mit Mutterkorn verseuchtem Mehl aß, konnte Kribbeln in Armen und Beinen bekommen, aber auch Krämpfe, Wahnvorstellungen und Nekrosen — und im schlimmsten Fall auch daran sterben. Ergotismus heißt diese Krankheit. Das Volk nannte es Antoniusfeuer, hier in Westfalen auch Muttergottesbrand.


Die Ursache war bekannt — und das Problem trotzdem kaum zu lösen. Mutterkörner sehen dem Getreidekorn ähnlich, sind nur dunkler, manchmal etwas größer und leicht anders geformt. Mit Windsichtern, Sieben und Trieuren lässt es sich nicht vom Getreide trennen. Es gab nur die Möglichkeit, die Mutterkörner von Hand auszulesen. Doch das war aufwändig, mühsam und bei den zu verarbeitenden Mengen quasi unmöglich, vor allem wenn man Hunger hatte. So kam es bis ins 20. Jahrhundert immer wieder zu Erkrankungen. Noch 1926 tötete mit Mutterkorn verseuchtes Brot in der Sowjetunion etwa 11.000 Menschen. Erst die Moderne brachte die Lösung: Heute wird Getreide auch durch Farbsortierer gereinigt.
Kamera, Software, Druckluft
Das Getreide fällt über eine Rutsche an Hochgeschwindigkeitskameras vorbei, die jedes einzelne Korn fotografieren und nach Farbe, Transparenz und Form analysieren. Erkennt die Software etwas, das nicht dazugehört, schießt sie es im Bruchteil einer Sekunde mit Druckluft heraus. Tausende Male pro Minute. Dadurch werden z.B. Mutterkorn, farblich veränderte Körner, Wickensamen, Steine, Stiele und Fremdgetreide aussortiert.






Zu klein für die großen Anlagen
Wir bauen unter anderem Champagnerroggen an — eine alte Sorte aus der französischen Champagne, die im 19. Jahrhundert in Deutschland weit verbreitet war. Aber nach der Ernte finden sich darin immer auch einzelne Spelzen, Reste von Beikräutern und eben Mutterkörner. Für optimale Qualität muss das natürlich raus.
Bisher war das ein echtes Problem. Bio-Lohnverarbeiter, die Getreide für die Lebensmittelverarbeitung reinigen, sind in unserer Nähe kaum zu finden oder haben in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen die Tore geschlossen.
Und für größere Betriebe wie Mühlen sind wir schlicht zu klein. Die großen Reinigungsstraßen sind auf ganz anderen Durchsatz ausgelegt. Wir liefern keine 24 Tonnen im Sattelzug an. Wenn wir einen Big Bag mit 700 kg zur Reinigung bringen, ist die Hälfte dort schon durchgelaufen, bevor die Maschine richtig eingestellt ist. Logistik und Aufwand stehen in keinem Verhältnis.
Unser eigener Farbsortierer
Um dieses Problem zu lösen, haben wir uns nun selbst mit einem Mini-Farbsortierer ausgestattet. Der kann zwar maximal 150 kg pro Stunde reinigen, aber das reicht für unsere Zwecke völlig aus. Wir stellen Modus und Sensitivität selbst auf unsere Sorten ein, lassen kleine Chargen nach Bedarf durchlaufen und haben ein sauberes Ergebnis, bei dem wir selbst kontrollieren und beeinflussen können, was drin ist.
Was einmal Menschenleben gekostet hat, lässt sich heute mit Software, Kameraoptik und Druckluft in Sekundenbruchteilen aus dem Körnerstrom pusten.




